Rezension zum Buch „Neue Alte Heimat“

Jane Addams Zentrum e.V. (2017): Neue Alte Heimat. Porträt einer sozialen Siedlung. Norderstedt: BoD – Books on Demand. 189 Seiten. ISBN: 978-37-460-010984

Das Buch handelt von einer besonderen Siedlung in München, die seit ihrer Gründung Ende der 50er Jahre den auf den ersten Blick irritierenden Namen „Alte Heimat“ trägt. Die „Alte Heimat“ wurde Wohn- und Lebensort für viele Münchner Familien, die durch die Bomben des Zweiten Weltkrieges ihre Wohnungen verloren hatten. Man erfährt, dass beispielsweise die Veranstaltung „Stars in der Manage“ genau aus dem Grund initiiert wurde, um Gelder für die Unterbringung der sog. Rückkehrer zu sammeln. Das Buch führt über viele biografische Bei-spiele in die Ursprünge und Anfänge der Stiftungssiedlung „Alte Heimat“ ein. Noch heute ist die Stiftungssatzung aus dem Jahre 1959 gültig, die auf die „Rückführung bedürftiger Münchner in ihre Vaterstadt“ zielte. 1979 wurde die Satzung überarbeitet und dahingehend erweitert, dass die Wohnanlage seither auch die Unterbringung „körperlich oder geistig behinderter Menschen“ fördert.

Der Titel des Buches „Neue Alte Heimat“ verweist darauf, dass die Siedlung mit ihren 600 Wohnungen zwar in die Jahre gekommen ist und ihre Gebäude dringend sanierungsbedürftig geworden sind. Dazu sind zwischenzeitlich eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet worden. Zum Ausdruck kommen soll durch den Buchtitel überdies, wie dieser besondere Ort aber auch lebt. Mittlerweile ist die Bevölkerung sehr gemischt. Es gibt nach wie vor die „Ureinwohner“, die mit der Siedlung alt geworden sind. Aber es sind durch die Satzungsänderung auch neue Personengruppen dazu gekommen, zuletzt einige Dutzend Menschen und Familien mit Fluchterfahrungen. Dass die „Alte Heimat“ ein Ort der Nachbarschaftshilfe und der Solidarität ist, wird im Buch auf lebendige Weise deutlich. Bereits im Jahr 2011 fand ein REGSAM-Workshop mit den unterschiedlichen Akteuren von der Wohnungsbaugesellschaft GEWOFAG bis hin zum Alten- und Servicezentrum statt. Beeindruckend ist, wie es einer Community Organizing-Initiative von Hester Butterfield und Bettina Pereira vom Jane Addams Zentrum gelungen ist, solidarische Vernetzungen zu begünstigen. Zentrum dieser Aktivitäten ist ein Nachbarschaftstreff, der durch die Landeshauptstadt finanziert wird. Das Buch beleuchtet auf lebendige Weise die Grundprinzipien von Community Organizing: Partizipation, Teilhabe, Inklusion und Integration, allesamt zentrale Ziele der Sozialen Arbeit.

Im Mittelpunkt des sehr lesenswerten Buches stehen Porträts von BewohnerInnen und von Bewohnergruppen, die zum größten Teil durch Studierende der Katholischen Stiftungshoch-schule München unter Begleitung von Hester Butterfield auf der Grundlage von Gesprächen erstellt worden sind. Auf diese Weise lässt sich nachvollziehen, was die Erfolgsbausteine gelingender Quartiers- und Nachbarschaftsarbeit sind. Die interviewte Bewohnerin Georgia Diesener bringt es auf den Punkt: „Wir haben gelernt, uns in bürgerschaftlichem Engagement zu behaupten und uns sicher zu bewegen.“ Und Ali Djan, der aus seiner Heimat Afghanistan fliehen musste und 2013 aus einer Wohngemeinschaft für unbegleitete Heranwachsende in die Siedlung kam, spürte, dass die anderen Bewohner sein Schicksal teilten, was für ihn ein großer Trost war.

Hester Butterfield, Bettina Pereira und die Redaktionsleiterin Lena Kruse haben ein spannendes Buch herausgegeben, das für politisch Verantwortliche, SozialarbeiterInnen, StädteplanerInnen, Studierende und viele andere außerordentlich interessante Einblicke und Impulse bereit hält. Ich wünsche dem mit vielen (Porträt-)Fotos ausgestatteten Buch eine rege Verbreitung sowie Nachahmung in anderen Quartieren, nicht nur in München.

Egon Endres, Juni 2018