Community Organizing – Jane Addams Zentrum e.V. https://dev.jane-addams-zentrum.de/category/community-organizing/ Tue, 18 Jul 2023 13:35:37 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.2.7 Fachtag „Community Organizing: ein Thema für die Soziale Arbeit!“ https://www.jane-addams-zentrum.de/fachtag-community-organizing-ein-thema-fuer-die-soziale-arbeit/ Wed, 15 Dec 2021 09:01:36 +0000 https://www.jane-addams-zentrum.de/?page_id=946 Am Freitag, den 22. Oktober 2021, fand in der Katholischen Stiftungshochschule in München ein Fachtag zum Thema Community Organizing statt. Hester Butterfield, jaz-Vorsitzende und Dozentin  für Gemeinwesenarbeit an der HS, war Mitgestalterin des Fachtags, das jaz-Projekt in der Siedlung „Alte Heimat“ wurde in Workshops und der Podiumsdiskussion thematisiert.Details zum Programm finden sich auf diesem Flyer. […]

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Am Freitag, den 22. Oktober 2021, fand in der Katholischen Stiftungshochschule in München ein Fachtag zum Thema Community Organizing statt.

Hester Butterfield, jaz-Vorsitzende und Dozentin  für Gemeinwesenarbeit an der HS, war Mitgestalterin des Fachtags, das jaz-Projekt in der Siedlung „Alte Heimat“ wurde in Workshops und der Podiumsdiskussion thematisiert.
Details zum Programm finden sich auf diesem Flyer.

Bericht über den Fachtag:

Mit nahezu 70 Teilnehmenden war der gemeinsam von der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH), dem Forum Community Organizing e.V. (FOCO) sowie dem Jane Addams Zentrum e.V. am 22. Oktober 2021 in den neuen Räumlichkeiten der Münchener Hochschule ausgerichtete Fachtag „Community Organizing: ein Thema für die Soziale Arbeit!“ ausgesprochen gut besucht. Spannende Vorträge und intensive Diskussionen zogen sich über den gesamten Nachmittag hinweg bis hin zur abschließenden Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus der Studierendenschaft, der Fakultät, der Münchener Stadtverwaltung, der örtlichen Wohlfahrtspflege sowie der lokalen Organizing-Praxis. Insbesondere die rege Beteiligung von Praktiker*innen aus den Münchener Stadtteilen war sehr erfreulich.

Nach der Begrüßung durch den Dekan der Fakultät Soziale Arbeit an der KSH, Herrn Prof. Dr. Jochen Ribbeck, führte Prof. Dr. Lothar Stock (FOCO) mit seinem Eröffnungsvortrag zunächst in die Grundlagen und Prinzipien von Community Organizing (CO) ein, um daran anschließend die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede von CO und Sozialer Arbeit herauszuarbeiten.

Während Letztere in aller Regel innerhalb bestehender Machtverhältnisse agiert, ist es explizites Anliegen von CO, diese im Sinne einer (weiteren) Demokratisierung der Gesellschaft zu verändern. Sehr wohl aber – so Prof. Stock – lassen sich Prinzipien und Handlungsinstrumente aus dem CO für die Soziale Arbeit nutzbar machen und führen somit zu einer Erweiterung des sozialarbeiterischen Handelns. Im Ergebnis werden dadurch Empowermentprozesse der Adressat*innen der Sozialen Arbeit angestoßen, Selbstorganisationsprozesse der Professionellen in der Sozialen Arbeit befördert, die politische Dimension der Sozialen Arbeit sichtbar sowie deren Selbstverständnis als Menschenrechtsprofession gestärkt, lautete sein Fazit.

Zur Powerpoint-Präsentation von Prof. Stock geht es hier.


Die an den Eröffnungsvortrag anschließenden Workshops waren analog zum vierschrittigen Organizing-Prozess strukturiert. Hierbei wirkten jeweils erfahrene Organizer aus der aktuellen CO-Praxis mit Inputs und Fallbeispielen mit. Die aktive Teilnahme von Praktiker*innen aus der Münchener Quartiersarbeit und auch von Studierenden mit ihren konkreten Fragen an die Referierenden bereicherte diese intensiven 90 Minuten überaus. Und wie immer war die Zeit wieder einmal viel zu kurz, um auf alle von den Teilnehmenden eingebrachten Aspekte hinreichend eingehen zu können.


Paul Cromwell, FOCO-Trainer und Berater, stellte im Workshop 1 das „One on One“ (Einzelgespräch) als zentrales Handlungsinstrument im CO vor. Hiermit soll zum einen das Eigeninteresse des Gegenübers herausgefunden (wofür würde sie*er sich engagieren?) sowie zum anderen eine Beziehung zu dieser Person aufgebaut werden. Wie diese Gespräche mit einer Dauer von etwa 30 bis 45 Minuten konkret ablaufen und wie diese überhaupt zustande kommen, wurde von Paul Cromwell anhand von Rollenspielen und mehreren Beispielen im Detail dargestellt. Sie enden stets mit der Frage nach möglichen weiteren Gesprächspartner*innen sowie mit dem Angebot einer zukünftigen Zusammenarbeit.


Per Live-Stream in den Workshop 2 zugeschaltet, ging Alima Matko, Community Organizer aus Graz, auf die im Organizing-Prozess obligatorische „Machtanalyse“ ein. Hierbei geht es darum herauszufinden, welche Personen die Ansprechpartner*innen für das jeweilige Anliegen sind (wer kann uns das geben, was wir wollen?). Ebenso wird nach möglichen Bündnispartnern gesucht, aber auch danach, wer sich möglicherweise als Gegner*in für die Durchsetzung des eigenen Anliegens erweisen könnte. Am konkreten Beispiel des „Familienwohnzimmers“ in der steirischen Stadtgemeinde Karpfenberg (ca. 22.500 Einw.) wurde dies von Alima Matko beispielhaft verdeutlicht. Der Erfolg stellte sich genau dann ein, als die Initiative aktiv das Heft des Handelns selbst in die Hand nahm anstatt weiterhin passiv auf Antworten aus der lokalen Politik zu warten.


Inhaltlicher Fokus von Workshop 3 bildete die in jedem Organizing-Prozess zu entwickelnde „Strategie“ zur Durchsetzung der eigenen Anliegen. Hierbei handelt es sich um den vorab geplanten (aber dennoch flexibel handhabbaren) Ablauf verschiedener Handlungsoptionen (je nachdem wie sich die Gegenseite verhält). Anne-Marie Marx, 1. Vorsitzende von FOCO, berichtete über die verschiedenen strategischen Schritte der Bürger*innen bei ihren am Ende erfolgreichen Bemühungen zum Erhalt einer Fußgängerbrücke im Saarbrücker Stadtteil Malstatt. Seitens der Stadtverwaltung war ursprünglich der ersatzlose Abriss des in die Jahre gekommenen Bauwerks, das die beiden Gebiete von Malstatt über eine breite Bahntrasse hinweg miteinander verbindet, vorgesehen. Mittels einer Zählung der täglichen Nutzungsfrequenz, einer Unterschriftensammlung, der Gewinnung von Bündnispartner*innen auf beiden Seiten der Bahntrasse sowie einer vielfältigen Öffentlichkeitsarbeit wurde schließlich erreicht, dass mit 1,2 Mio. Euro aus dem städtischen Haushalt an der Stelle des alten Übergangs nunmehr „die schönste Fußgängerbrücke des Saarlands“ steht.


Ebenfalls per Live-Stream zugeschaltet, führte Ute Fischer, Community Organizer aus Aachen, im Workshop 4 anhand ihrer Erfahrungen in Baesweiler-Setterich, einer ehemaligen Bergbaustadt in der Städteregion Aachen, aus, wie als letzter Schritt im Organizing-Prozess der „Aufbau nachhaltiger Strukturen“ gelingen kann. Dies können zum einen schriftlich vereinbarte, dauerhafte Mitspracherechte bei zukünftigen Entscheidungen, die das Leben der Menschen im Stadtteil betreffen, sein, zum anderen aber auch die Etablierung einer kontinuierlichen Interessenvertretung der Stadtteilbewohner*innen. In beiden Fällen kommt es langfristig zu einer Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse und damit einhergehend zu einer Demokratisierung des Alltagslebens. Zentral hierfür sind die Gewinnung von Schlüsselpersonen aus dem Stadtteil, ein „langer Atem“ aller Beteiligten sowie zeitliche und auch personelle Ressourcen für CO.


Zum sicherlich einem der Highlights des Fachtags gestaltete sich die an die Workshop-Phase anschließende Präsentation von Good Practice-Beispielen durch Paul Cromwell. Auf Fragen, Anregungen und Kommentare aus den Workshops wurde hierbei explizit Bezug genommen.

Gestärkt durch einen kleinen Imbiss folgte zum Abschluss des Fachtags die von Prof. Dr. Stock moderierte Podiumsdiskussion einmal anders! Auf dem Podium stellten sich Hanna Becker (Studentische Vertretung an der KSH), Grit Schneider (Stellvertretende Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Bezirksverband Oberbayern), Gerhard Mayer (Leiter des Amtes für Wohnen und Migration der Landeshauptstadt München), Hester Butterfield (Jane Addams Zentrum e.V., München) und Prof. Dr. Andreas Schwarz (KSH) den vielfältigen Fragen aus dem Publikum. Einigkeit bei allen Beteiligten bestand schließlich dahingehend, dass sowohl im Studium an der KSH als auch in der lokalen Praxis dem Handlungsansatz von Community Organizing zukünftig eine größere Beachtung geschenkt werden sollte. Als erste Maßnahmen in diese Richtung wurden an der Hochschule eine in der Zukunft stärkere Berücksichtigung von CO im Curriculum in Aussicht gestellt und von Seiten der Verwaltung bzw. der Praxis für das Jahr 2022 ein Fortbildungsangebot in Community Organizing sowie eine entsprechende Projektbegleitung für die im Bereich der Nachbarschaftsarbeit tätigen Mitarbeiter*innen.

Mit diesen doch sehr Mut machenden Absichtserklärungen endete ein mit viel Input versehener, die Teilnehmenden stark einbeziehender und gleichsam sehr inspirierender Fachtag zum Zusammenwirken von Community Organizing und Sozialer Arbeit.

Autor: Lothar Stock, Dezember 2021

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Rezension zu „Shell Trapp – Dynamiken des Organizing“ https://www.jane-addams-zentrum.de/rezension/ Wed, 05 May 2021 06:57:57 +0000 https://www.jane-addams-zentrum.de/?page_id=910 Wir freuen uns sehr über diese ausführliche Rezension von Prof. Dr. Andreas Schwarz. Die komplette Rezension finden Sie hier: https://www.socialnet.de/rezensionen/28038.php Shel Trapp, Jane Addams Zentrum e.V. (jaz) u.a.: Dynamiken des Organizing Thema Community Organizing – das Arbeiten in, mit und für Nachbarschaften ist seit vielen Jahren ein Ansatz, der für unterschiedliche Felder der Sozialen Arbeit […]

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Wir freuen uns sehr über diese ausführliche Rezension von Prof. Dr. Andreas Schwarz. Die komplette Rezension finden Sie hier: https://www.socialnet.de/rezensionen/28038.php

Shel Trapp, Jane Addams Zentrum e.V. (jaz) u.a.: Dynamiken des Organizing

Thema

Community Organizing – das Arbeiten in, mit und für Nachbarschaften ist seit vielen Jahren ein Ansatz, der für unterschiedliche Felder der Sozialen Arbeit befruchtend sein kann. Auch in Deutschland ist die Landkarte des Organizing breit entfaltet. Unterschiedliche Organisationen, Pointierungen und Ausrichtungen sind etabliert und entwickeln sich weiter. Das vorliegende Buch ist nun in deutscher Übersetzung vorhanden. Der Titel stellt in Aussicht, dass die Dynamiken des Organizing im Focus stehen. Der amerikanische Community Organizer Shel Trapp berichtet davon, wie Menschen in Gemeinschaften ermutigt werden, die innere Haltung der Handelnden gestärkt und letztlich die Macht der Organisation aufgebaut werden kann. Aber er grenzt im Vorwort ein, dass hier nicht zu lernen sei, wie man zum Organizer wird. „Dieses Buch ist eine Kombination aus Kriegsgeschichten und Organizing-Strategien“. Shel Trapp gibt einen tiefen Einblick in sein Denken und Handeln als Organizer. In sehr anschaulicher Sprache beschreibt er seine Motivationen und Strategien seiner langjährigen Tätigkeit, die darauf zielte, gewöhnliche Menschen zu begleiten, Außergewöhnliches zu leisten.

Autor

Shel Trapp (1935 – 2010) war seit den 1960er Jahren in der US-amerikanischen Community Organizing Szene aktiv. Er war Pastor einer Methodisten-Kirche in Chicago und wechselte 1965 zur neu gegründeten ‚Organization for a better Austin‘ (einem Stadtteil von Chicago), die von Tom Gaudette geführt wurde. Gaudette war bei der Industrial Areas Foundation viele Jahre die rechte Hand von Saul Alinsky.

Shel Trapp arbeitete nicht nur selbst als Organizer in vielen unterschiedlichen Städten der USA, oder gab verschiedensten Organisationen als Berater Impulse zu deren Entwicklung, sondern war auch lange Jahre als Trainer in der Ausbildung zum Community Organizing tätig.

Entstehungshintergrund

Hille Richers, FOCO-Gründungsmitglied und Thomas Fues, von Shel Trapp in den 1970er Jahren ausgebildeter Organizer stellen in ihrem Vorwort die Frage, warum jetzt ein Buch mit Geschichten aus den 1960er bis 1990er Jahre aus dem Amerikanischen übersetzt wird. Sie antworten, dass in Zeiten, in denen sich Politikverdrossenheit und Ohnmachtsgefühle angesichts von Globalisierung und Abbau sozialstaatlicher Standards sich breit machen der Blick auf das Community Organizing lohnt. Hester Butterfield, 1. Vorsitzende des Jane-Adams-Zentrums, beschreibt das Engagement Shel Trapps und seine Begeisterung für Menschen. Seine Inspiration und sein Humor sind auch im Deutschland der 2020er Jahre eine Quelle zur Bearbeitung von Machtstrukturen. Die Geschichten sind Beispiele wie normale Menschen ihre Achtung und Respekt wiedergewinnen können.

Shel Trapp fragt: „Worum geht es? Was ist das Thema und wie kann es als Forderung formuliert werden, die umsetzbar ist, die gewonnen werden kann? Wer kann uns geben was wir wollen? Wie machen wir diese Leute auf uns aufmerksam? Wie kann die Forderung bei ihnen Beachtung finden, sie mitziehen?“ In den Geschichten dieses Buches vom Mut der Menschen in der Nachbarschaft und ihren Strategien, effektive Forderungen zu stellen, zu erfahren, war Anlass für die deutsche Übersetzung. Herausgegeben wird das Buch vom Jane-Adams-Zentrum und von Forum Community Organizing.

Aufbau und Inhalt

Die Entstehung des Buches geht zum einen auf den Newsletter zurück, den Shel Trapp viele Jahre zweimonatlich veröffentlichte. Darin war eine Rubrik ‚Dynamics of Organizing‘ enthalten. Diese Texte lieferten die Grundlage für den zweiten Teil dieses Buches. Im ersten Teil wird die Entwicklung Shel Trapps zum Organizer und sein Arbeiten an verschiedenen Orten der USA aufgefächert. Gordon Mayer, der Mitverfasser des amerikanischen Originals schreibt: „Wir trafen uns mehrerer Monate lang einmal die Woche und Trapp erzählte mir die Geschichte seiner Karriere, dies führte zu den Kapiteln der ersten Hälfte dieses Buches“. Shel Trapp beschreibt es etwas anders, indem er Mayer dankt: „der sich stundenlang mit mir an den Küchentisch gesetzt und versucht hat, einen Sinn in meinem endlosen Geschwafel zu erkennen“.

Und so erhalten die Leser*innen in den ersten neun Kapitel eine vielschichtige Beschreibung vom Leben eines Community Organizers. Zunächst stellt Shel Trapp aber dar, ‚was ich von meinem Hund gelernt habe‘. In dieser Einführung skizziert er Bedingungen und Herangehensweisen des CO. Hier werden die Fülle seiner Sprache und der besondere Ton bereits deutlich. In dem folgenden ersten Teil des Buches sind chronologisch die Stationen beschrieben, an denen Shel Trapp sein Arbeiten für und mit Menschen betrieb. Eine Vielzahl von Aktionen, Gemeinschaften, Erfolgen und Scheitern ergeben ein großes Bild dieses tätig seins.

Etwa das Arbeiten in einer afro-amerikanischen Nachbarschaft in den 1960er Jahre mit dem Ergebnis, die Kinder in die öffentlichen Schulen zu integrieren. Ausgangspunkt für diesen Erfolg waren aber Einkaufswägen, die im Umfeld eines Einkaufmarktes immer wieder Unmut erzeugten. In diesem Kapitel wird die Reichweite eines gelungenen Organizing beschrieben. Die Bürger*innen durch erste Schritte zu befähigen, auch Herausforderungen anzugehen, die sie immer als unlösbar erlebten, sind entscheidend für eine langanhaltende Phase der Auseinandersetzung. Ebenso zentral wird hier die Haltung veranschaulicht, dass die Themen aus dem Kreis der Community kommen und nicht durch einen Organizer auf eine Agenda gesetzt werden können.

In einem Kapitel zu den 1970er Jahren nimmt Shel Trapp die Entwicklung des CO in den Blick. Die Erfolge und der Organisationsgrad führte dazu, dass sich mit der National People’s Action eine Struktur herausbildete, die Vernetzung über die gesamten USA herstellte. Anhand von fünf Mythen werden die Intentionen der NPA verdeutlicht, sowie Beispiele des taktischen Vorgehens beschrieben. Auch im folgenden Kapitel zu den ersten Jahren der Regierung Reagan wird die Position Shel Trapp gegenüber einer politischen Mandatierung der CO deutlich: „Wenn Community Organizations politische werden – in anderen Worten Kandidaten öffentlich unterstützen oder selbst aufstellen – fangen sie an, nach den Regeln von jemand anderen zu spielen. Um effektiv zu sein, muss eine Organisation aber ihren eigenen Regeln folgen.“ Unabhängigkeit ist für ihn ein grundlegendes Motiv, dieses gilt es für die Organisation zu erhalten und für die Menschen, die aktiv werden, herzustellen.

Dieser erste Teil „Ein Leben fürs Organizing“ endet mit einem Kapitel über die 1990er Jahre. Darin beschreibt Shel Trapp die grundsätzlichen Lektionen eines echten Organizing: man macht sich wirklich wütende Feinde, es ist ein Preis dafür zu zahlen und es setzt die Bereitschaft voraus, Risiken einzugehen. Die Veränderungen durch die sich verstärkende Globalisierung einerseits und den komplexeren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen andrerseits führten dazu, dass CO sich immer anpassen muss. Es ist ein steter Prozess des Lernens, oder wie Shel Trapp es formuliert: „Diejenigen, die die Sicherheit von Plänen und einfachen Antworten gewöhnt sind, werden fragen: ‚Wo steht die Organisation in fünf Jahren?‘ Nach 34 Jahren im Organizing kann ich dazu nur eine ehrliche Antwort geben: ‚Ich habe keinen blassen Schimmer‘“.

Diese langjährigen Erfahrungen werden im zweiten Teil des Buches unter dem Titel „Was ich gelernt habe“ systematisch entfaltet. Wieder mit einer Vielzahl von Beispielen ausgestattet werden die folgenden Bereiche, Themen und Strukturmerkmale behandelt: Aktionen, Verhandlungen, Leaders ausbilden, Wut und Konfrontation, Aus dem Bauch heraus agieren, Issue Organizing, Macht, Eigeninteresse versus Manipulation, Training, sowie Beratung.

An dieser Stelle werden die ersten beiden Kapitel, sowie die Machtthematik skizziert. Zur Erinnerung, dies ist kein Lehrbuch des Organizing. Es sind Impulse, Anregungen und Fragen, die Shel Trapp anbietet, letztlich die Aufforderung den eigenen Weg zu beschreiten. Dies wird auch durch die Überschrift zum Aktionen-Kapitel deutlich: ‚Nicht reden, sondern handeln‘. Aktionen dienen der Konfrontation und beleben die Organisation. Sie stellen ein wichtiges Instrument zum Erreichen der Ziele dar. Die Aktionsform der Demonstration beleuchtet der Autor in diesem Kapitel explizit. Dabei greift er Kritik an dieser Vorgehensweise auf und stellt ihr die Reichweite ihres Einsatzes gegenüber. Er positioniert ‚Handeln‘ zu ‚Regeln bestimmen‘. Beide sind untrennbar verbunden und aus diesem Grunde zentral für das Organizing.

Und erst aus Aktionen ergeben sich Möglichkeiten zu Verhandeln. Welche Prämissen gibt es beim Verhandeln, welche Fallen und Stolperstricke drohen und welche Vorbereitungen sind für erfolgreiche Verhandlungen entscheidend? In diesem Kapitel werden diese Fragen geklärt. Die Techniken des Rollenspiels oder Gegner-Recherche, das Wählen der richtigen Taktik und das Setzen von Rahmenbedingungen – diese und weitere Aspekte der Verhandlungsführung beleuchtet Shel Trapp: „Das Ziel von Verhandlungen ist es, so viel zu gewinnen, wie nur möglich. Das Ziel des Gegners ist es, so wenig Zugeständnisse zu machen, wie nur möglich. Also sollte man alles in seiner Macht tun, um die eigenen Chancen auf Erfolg zu maximieren und dabei die Chancen des Gegners zu minimieren“. Diese Beschreibung einer Verhandlung als ein Nullsummen-Spiel wird dann im Kapitel Macht vertieft.

Es trägt die Überschrift ‚Nett sein lohnt sich nicht‘. Pointiert werden Machtstrukturen und Empfindungen zu Macht beschrieben. Insbesondere greift Shel Trapp das Verhältnis zu Macht von machtlosen Menschen auf und die Konsequenzen für die Organizer. Macht bedeutet die Übernahme von Verantwortung. Sie stellt gleichzeitig immer auch das Risiko des Scheiterns dar und führt dazu, sich unbeliebt zu machen. „Ein weiterer Grund, warum die Menschen Macht aus dem Weg gehen, ist, dass sie von allen gemocht werden wollen. Sie sind lieber nett, lächeln und sagen ‚Danke schön‘ während sie über den Tisch gezogen werden. Bei gutem Organizing bricht man mit der Nettigkeit“.

In seinem Epilog verdeutlicht der Autor nochmals die Reichweite der Macht. Zum einen für die Menschen, die sich aus ihren machtlosen Strukturen (auch unter Hilfe des Organizing) befreien. Zum anderen für die Organizer selbst, bei denen Macht als Elixier zum Weiterarbeiten dient. Dieser Dimension stellt er die Kraft des menschlichen Geistes zur Seite. Sie ist es, die durch das Organizing entfaltet werden kann und jeder Organizer konnte Erfahrungen mit Menschen machen, „die ihre Fähigkeiten und Kapazitäten durch das Mitwirken im Community Organizing weit übertroffen haben“.

Diskussion

Dynamiken des Organizing ist ein zeitgeschichtliches, kulturexplorierendes und vor allem ein impulsgebendes Geschichtenbuch. Eine Zeit der Veränderung wird verdeutlicht, die große Herausforderungen, aber auch Chancen in sich barg. Dabei zeigen sich die gesellschaftlichen, wie politischen Strukturen deutlich unterschiedlich zu den deutschen Systematiken des 21. Jahrhunderts. Gerade dieser Blick in eine andere Zeit und in einen differgenten Gesellschaftsraum machen dieses Buch lesenswert. Die Anregungen, die aus den Geschichten Shel Trapps gewonnen werden können, sind äußerst vielfältig. Auch wenn der Autor verneint, ein Lehrbuch verfasst zu haben, sind dennoch eine große Zahl von Lernangebote darin enthalten. Der Transfer in unsere Bezüge mag mitunter herausfordernd sein. Aber gerade hierin klingt das Menschenbild von Shel Trapp an: Den Menschen (den Leser*innen) ihre eigenen Entwicklungen zuzutrauen und dabei unterschiedliche Wege zulassen…

Die Sprache die der Autor wählt ist vermutlich authentisch, man hört Shel Trapp förmlich am Verhandlungstisch oder bei Meetings. Auf diesen Stil gilt es sich einzulassen und dabei den historischen und gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen. Auch seine Vorstellung und die Vehemenz von Verhandlungsführung können auf den ersten Blick verstörend wirken. Vergegenwärtigt man aber die zugrundeliegenden Ausgangsituationen und die daraus erforderlichen Strategien, wird ein grundlegendes Prinzip des Community Organizing erkennbar: Macht bündeln, indem Menschen und Gruppen zusammengeführt werden, damit diese für ihre eigenen Interessen eintreten können. Erinnert dies nicht an ein (verschollenes?) Prinzip der Sozialen Arbeit?

Fazit

Die deutsche Übersetzung von Shel Trapps Dynamiken des Organizing ist ein Geschichtenbuch des US-amerikanischen Community Organizing, das inspirierend für die Arbeit mit und für Menschen ist. Die Lebendigkeit der Sprache, sein Humor und die Vorstellungen vom guten Zusammenleben, die Shel Trapp uns mit seinem Blick auf die eigene Entwicklung zum Organizer aufzeigt, führt zu einer positiven Grundstimmung, die nachhaltig Wirkung zeigt.

Die Leser*innen erwarten eine Fülle an Beispielen des CO, anschauliche Strategien und Taktiken, sowie die Beschreibung, was es persönlich bedeuten kann, diesen Weg zu gehen. Dynamiken des Organizing ist ebenso lesens- wie erlebenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Andreas Schwarz
Professor für Politikwissenschaften an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München


Andreas Schwarz. Rezension vom 26.04.2021 zu: Shel Trapp, Jane Addams Zentrum e.V. (jaz), Forum Community Organizin (FOCO): Dynamiken des Organizing. Menschen ermutigen – Die innere Haltung stärken – Macht aufbauen. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2020. ISBN 978-3-7519-3704-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28038.php

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Shel Trapp – Dynamiken des Organizing https://www.jane-addams-zentrum.de/shel-trapp-dynamiken-des-organizing/ Mon, 15 Jun 2020 07:51:29 +0000 https://www.jane-addams-zentrum.de/?page_id=782 Shel Trapps Klassiker „Dynamics of Organizing“ nun auch auf Deutsch erhältlich Unter dem Titel „Dynamiken des Organizing – Menschen ermutigen – Die innere Haltung stärken – Macht aufbauen“ ist ab sofort das Buch von Shel Trapp auch auf Deutsch erhältlich. Mit Erlaubnis der Familie von Shel Trapp haben wir – das Jane Addams Zentrum e.V. […]

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Shel Trapps Klassiker „Dynamics of Organizing“ nun auch auf Deutsch erhältlich

Unter dem Titel „Dynamiken des Organizing – Menschen ermutigen – Die innere Haltung stärken – Macht aufbauen“ ist ab sofort das Buch von Shel Trapp auch auf Deutsch erhältlich.

Mit Erlaubnis der Familie von Shel Trapp haben wir – das Jane Addams Zentrum e.V. (jaz) und das Forum Community Organizing e.V. (FOCO) – das Buch aus dem Englischen übersetzt und nun herausgegeben:

Shel Trapp (1935-2010) war ein angesehener US-amerikanischer Community Organizer und großartiger Taktiker und Stratege. Er bildete unzählige Organizers aus – darunter auch einige, die in Deutschland leben und arbeiten und sich im Buch in den „Stimmen zur deutschen Ausgabe“ zu Wort melden – und half dabei, mehrere Community Organizations zu gründen, u.a. die National Peoples Action (NPA), das National Training and Information Center (NTIC) oder die Organisation ADAPT, die sich für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzt.

Trapp – so wollte er angeredet werden – war kreativ und unermüdlich, immer auf der Suche nach neuen Ansätzen und stets offen für die Belange, Sorgen und Ideen der Menschen in den Stadtteilen und Nachbarschaften.

Hinter seiner oft rauen Sprache war er ein einfühlsamer Mensch, der in der Entwicklung des „menschlichen Geistes“ und der „inneren Haltung“ den Weg sah, die Macht aufzubauen, die erforderlich ist, um gegen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft erfolgreich anzugehen.

Dieses Buch ist kein Lehrbuch für Organizer, sondern eine Sammlung von Geschichten aus dem Organizer-Alltag von Shel Trapp, die ursprünglich in seinem eigenen Newsletter erschienen und später von ihm in Buchform zusammengefasst und veröffentlicht worden sind.

Das Buch ist als Print-Version (9,99 Euro) und als eBook-Version (5,99 Euro) erhältlich:

Natürlich können Sie das Buch auch bei Ihrem Lieblings-Buchhändler vor Ort bestellen!

Leseprobe:

Einen Auszug aus dem Buch (im pdf-Format) können Sie hier herunterladen. Sie können diese Leseprobe gerne an viele andere interessierte Menschen weiterleiten!

Eine ausführliche Rezension zum Buch finden Sie hier.

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Democratizing Cleveland: An Introduction https://www.jane-addams-zentrum.de/democratizing-cleveland-an-introduction/ Mon, 03 Sep 2018 13:11:50 +0000 https://www.jane-addams-zentrum.de/?page_id=505 Eine kritische Geschichte des Community Organizing in Cleveland, Ohio. Bis 1986 war Hester Butterfield (Vorsitzende des Jane Addams Zentrum e.V.) Organizer und Leiterin der Senior Citizens Coalition, welche ein Herzstück des Organizing in Cleveland war. Die Erfahrungen, die sie dort machte, ist Grundlage der Arbeit in der Siedlung „Alte Heimat“. http://beltmag.com/democratizing-cleveland/

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Eine kritische Geschichte des Community Organizing in Cleveland, Ohio.

Bis 1986 war Hester Butterfield (Vorsitzende des Jane Addams Zentrum e.V.) Organizer und Leiterin der Senior Citizens Coalition, welche ein Herzstück des Organizing in Cleveland war.

Die Erfahrungen, die sie dort machte, ist Grundlage der Arbeit in der Siedlung „Alte Heimat“.

http://beltmag.com/democratizing-cleveland/

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Community Organizing im Überblick https://www.jane-addams-zentrum.de/alte-heimat-1/ Sun, 27 Mar 2016 18:19:53 +0000 https://www.jane-addams-zentrum.de/?page_id=185 Anmerkung: Die folgende Auflistung ist nicht vollständig. Verschiedene Berichte und Artikel finden Sie auch auf den anderen Seiten dieser Website, den jeweiligen Teilbereichen zugeordnet. ~ 2020 ~ Studierende eines Seminars (Lehrbeauftragte: Hester Butterfield) an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) München haben sich im Sommersemester 2020 mit den Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung unter Coronabedingungen auseinandergesetzt. ~ 2019 ~ […]

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Anmerkung: Die folgende Auflistung ist nicht vollständig. Verschiedene Berichte und Artikel finden Sie auch auf den anderen Seiten dieser Website, den jeweiligen Teilbereichen zugeordnet.

~ 2020 ~


Studierende eines Seminars (Lehrbeauftragte: Hester Butterfield) an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) München haben sich im Sommersemester 2020 mit den Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung unter Coronabedingungen auseinandergesetzt.

~ 2019 ~


Portfolio von Studierenden im Seminar „Community Organizing im Gemeinwesen 2018-19“ von Hester Butterfield, Katholische Stiftungshochschule München.
Bericht und Reflektion über ihre Aktivierung im Stadtteil München – Pasing im Zusammenarbeit mit dem neuen Nachbarschaftstreff des Vereins für Sozialarbeit.

~ 2018 ~


Eine Hausarbeit von Studierenden im Bereich Gemeinwesenarbeit mit Bewohner-Interviews aus dem Jahr 2018.

~ 2017 ~


Siedlung „Alte Heimat“ um den Kiem-Pauli-Weg
Hörgeschädigte in Laim fordern Dolmetscher    ( >Hallo münchen, 28.11.2017

Fremder Nachbarn Leben   (> SZ. 28.11.2017 ))

Neue „Alte Heimat“: Jetzt als Buch ( >

Neue Alte Heimat – Buchveröffentlichung … (>Laim Online  06.11.2017)

Ein Buch zur Stiftungssiedlung  :   Porträt der „Alten Heimat“ (>   Münchner Wochenanzeiger  06.11.2017)

Das stärkt den Zusammenhalt (   >   Münchner Wochenanzeiger  07.08.2017 )
„Alte Heimat´´ kürt Rallye-Sieger ( >   Münchner Wochenanzeiger  17.05.2017 )
Rallye durch die Alte Heimat  ( > SZ . 08.05.2017)
~ 2016 ~

***    Zuflucht Nachbarschaft: Community Organizing mit Geflüchteten.  (>PDF)

Fünf Jahre Brunnenfest in der Siedlung Alte Heimat  ( >   Münchner Wochenanzeiger  02.08.2016 )

Unter Freunden – Siedlung Alte Heimat ( > SZ . 02. 08. 2016)

jaz ist das Wunschteam  ( > SZ. 31.05.2016 )

Community Organizing in der „Alte Heimat“   (>SZ  . 26-02-2016 )

Ohne Grenzen  ( >    Münchner Wochenanzeiger  04.01.2016 ).

~ 2015 ~


Ende der Geduldsprobe – 2. Aufzug  ( SZ . 10. 12. 2015 )

Aufzug nimmt Fahrt auf  (   Münchner Wochenanzeiger  07.12.2015  )

 In der Alten Heimat geht´s aufwärts ( > AZ.  04.12.2015 )

Balkone werden saniert – Erfolg des AHA ( > SZ . 23. 07. 2015 )

Bürgerwunsch wird wahr – Siedlung Alte Heimat  ( >  Münchner Wochenanzeiger  20.07.2015 )

Jane-Adams-Zentrum bietet BewohnerInnen Beistand mit Rat und Tat  (SZ 28.04.2015 ).

Erfolge in der Nachbarschaftsarbeit ( > Münchner Wochenanzeiger 30.03.2015)

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